Das Lächeln der Dogge

Texte und Bilder von Ingrid-Maria Sauer

25. Juni 2015
von IM
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Die toten Frauen von Berlin

Berlin ist keine ordentliche deutsche Stadt auch
Wenn die bonbonfarbenen Fassaden der zweiten
Vielleicht dritten Gründerzeit in eurasisch grandiosem
Licht erstrahlen. Schon wieder hat sich eine im
Gebüsch verklemmt, schreit’s von den Kiosken.
Verkohlt und aufgeschwemmt lag sie und war mal
Hübsch gewesen. Die Kripo ist zum Glück schon
Da. Ermittelt. Sicher Spuren. Die Regenbogenpresse
Berichtete ausführlich, on und offline. In der Regenrinne
Streiten Elstern sich mit den Krähen aus dem Osten.
Man sieht den Schwarzdornbüschen überhaupt nicht an,
Welch Wut und Hass und Not und Leidenschaft ganz
Knapp unter der Hornhaut lauern. Sehr schnell hat
Man Verdächtige gefasst und festgesetzt. Berlin
Ist schließlich keine wilde Ciudad, die Jute. Obwohl:
Das Mauerwerk vergisst nicht gern den alten
Krieg. Die toten Frauen von Berlin wollten
Doch nur n Kind, nen anderen Mann, ne Bleibe,
Ein bisschen Geld und Rauschgift, ein schiefes,
Lächeln. Vielleicht wollten sie auch etwas nicht?
Wir werden nun auf unergründlich gründliche
Mentalart Aktendeckel öffnen, schließen,
Schneller als gewollt vergessen. Ruhig rotten
Lassen. Adjö, ihr schönen Toten von Berlin,
Zeigt nun im Geisterreich den Reisenden die
Stadt von unten: Wasserläufe, Tunnel, Bunker
Und Kanäle, Schrott, alte Gerippe, schimmelige Koffer,
Verscharrte Unbekannte, Weltkriegsbomben!
Und jagt den Kindern manchmal Angst ein. Adjö.

14. Juni 2015
von IM
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Der Rasensprenger

Der Berliner Rasen wird wieder gesprengt.
Es knackt und zischt um uns herum.
Der alte Staub wird aus der Luft gewischt.
Das Trottoir ist aufgebrochen, vollgekotzt,
Und majestätisch grün ragen die Linden
Blütenschwer.

Die Menschen sind so unvollkommen.
So dumm. So falsch. Verletzt. Verkehrt.
Ich liebe sie. Ich möchte diese süßlich
stinkende zentraldeutsche, zerteilte
Baustelle in meine Arme schließen.
Blütenschwer

Und sommerleicht, so fühle ich mich.
Kommt lasst uns Fahrrad fahren gehen.
Kaffee mit Blütenpollen. Eis mit Politik.
Und nächtelange Diskussionen, ob, warum und
Wie ihr euch am besten anstrengt.
Blütenschwer

Und dann nach Erde riechend, kühl
Wie eine Regenwolke, die gerade landet,
trifft uns, hervorschießender Sekt,
Das Urstromtal, zugrundeliegend, ernst und
Schwer wie dieses Land,
Das blüht.

4. März 2015
von IM
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Nebenwirkungen oder die Treppe in der Glockengießerstraße

Viele Jahrzehnte, wenn wir am Strand spielten, wehte ein salziger Wind von uns zu euch übers Meer und von euch zu uns, aber man hatte uns gelehrt, es gäbe dort nur graue Straßen, leere Geschäfte, verbotene Zonen und sonst nichts.

Wir lernten die Namen. In jedem Schuljahr kamen Namen hinzu, dazu schwarz-weiße Fotos und zuletzt große Zahlen. Die Unterrichtssprache blieb immer selbstbeherrscht, und auch wir sollten uns zusammenreißen (wir waren ja nicht die Opfer). Bestimmte Worte wurden strengstens verboten. Ich schlief manchmal schlecht. Mit zunehmendem Alter wurden noch mehr vorhandene Fotos gezeigt, wir hatten aber das Schlimmste noch gar nicht gesehen. Am Ende der zehnten Klasse, als unbedingte Voraussetzung für den Übertritt in die Oberstufe, mussten wir alle im Deutschunterricht Nacht und Nebel ansehen (und auch das war noch lange nicht das Schlimmste), damit wir verstehen, was für eine Sprache wir sprechen.

Und in dieser Sprache erzähle ich weiter.

In Geschichte nach 45 stellten sich die Grenzverläufe besonders politisch dar, mussten aber mit höchster Priorität gelernt und absolut fehlerfrei abgefragt werden, sonst bekam man gar nicht genug Punkte für die Abiturzulassung. Wir hatten jetzt schon verstanden, dass es immer, unser ganzes Leben, so weiter gehen würde. Jeder fand seine Art dafür und dabei musste man es bewenden lassen. Manchmal kam es zum Streit, manchmal zum Eklat mit den Alten. Einige Schwarzgekleidete hinderten die norddeutsche Skinheadszene mit Trommeln und Demos daran, jährlich zum Altstadtfest die Freilassung von Rudolf Hess zu fordern, türkische Einzelhändler zu bedrohen und Prügeleien anzuzetteln. Es kam zu Übergriffen. Es waren die ekelhaftesten Szenen meiner Jugend. Die Polizei kam, der Verfassungsschutz machte Fotos von den Vermummten und alle waren froh, wenn die Glatzköpfe sich wieder in ihre trostlosen holsteinischen Dörfer zurückgezogen hatten. Soviel Aufmerksamkeit wurde der ganzen Angelegenheit nun auch nicht entgegen gebracht. Es gab viel zu viel zu erledigen in unserer betriebsamen, satten Bundesrepublik.

Ich habe Mareks Briefe wiedergefunden. Zwei Briefe, die in meiner übervollen Schublade zwischen Tesafilm, Büroklammern, Tintenpatronen, Kontoauszügen und anderen Weihnachts- und Geburtstagskarten steckten. Es sind die ältesten Briefe, die ich noch habe. Marek hat sie mir in blauen Luftpostbriefumschlägen in die Toskana geschickt und diese mit Zeichnungen verziert: er selbst mit grinsender Fratze, von vorne, von der Seite mit zerzausten Haaren, daneben ein Herz und in schwungvoller Schrift sein Name. Mit diesen Briefen bin ich 22 Mal umgezogen.

Marek war Pole. Viel mehr wusste ich damals nicht über ihn. Er kam in unseren Kunstunterricht, um nach wenigen Wochen wieder zu verschwinden. Er hatte mit niemandem geredet. Sein Gesicht war meistens gar nicht zu sehen gewesen. Er hatte schulterlanges, blondes und strähniges Haar, sehr weiße Haut und eigentlich erschien er uns allen eher wie ein Gespenst. Nach einer langen Pause sah ich ihn hin und wieder auf Vernissagen. Stets stand er hinter Säulen oder Stellwänden, es gab praktisch keine Gelegenheit, ihm direkt in die Augen zu sehen. Dort wo er war, umgaben ihn Rauchschwaden. Ich bildete mir ein-zwei Mal ein, er führe Selbstgespräche. Lange Zeit sah man ihn gar nicht mehr. Man munkelte, er sei psychisch krank. Irgendwann war er wieder häufiger anzutreffen. Er lungerte vor der Schule herum, als habe er dort etwas vergessen, wirkte weniger gespenstisch, eher fragend und wartend. Weiß der Teufel, wie ich auf die Idee kam, ihm bis zur Haustür zu folgen.

Ich lese die Briefe. Marek schreibt von Herrn Wieczorek und von seinem Vater, der beim Zeichnen in einer grotesken Pose für ihn Modell gestanden hatte. Er erzählt mir von seiner verrückten Reise nach Portugal, wo das Blut der Menschen heißer zirkuliere als im Norden. Er bettelt mich um eine Postkarte an, die ich ihm, glaube ich, nie geschrieben habe trotz unserer Reise nach Polen und den vielen Nächten zusammen. Er schreibt von seiner hochschwangeren Mutter, die nach drei Söhnen das vierte Kind erwartete.

Wir teilten uns eines Tages auf der Straße eine Zigarette. Mir gefiel die feine slawische Melodie, wenn Marek sprach; sie passt gut zum Deutschen, glaubt es mir, sie tut der Sprache gut. Wir sprachen zum ersten Mal vom Zeichnen. Marek besuchte eine Kunstschule. Beim Lachen hatte er Grübchen.

Ich google Marek, aber alle Links sind Jahre alt und führen nirgendwo hin. Er hatte mehrere Ausstellungen in Kraków und Szczecin. Dagegen finde ich Dutzende von Spuren seines Vaters, des großen Kunsthistorikers, und kann verfolgen, wie die Familie in Siebenmeilenschritten wieder nach Polen zog, erst Dresden, dann Frankfurt Oder und dann nur noch über die Grenze. Links und rechts dieser Grenze, die einfach zur Familie zu gehören scheint, leben Mareks drei Brüder, wenn man Facebook glaubt. Mit Staunen betrachte ich das Geburtsjahr des Jüngsten, Neunzehnhundertachtundachtzig, und betrachte diesen erwachsenen Mann, Kunststudent. Die Brüder sind alle Künstler geworden und haben diesen kühlspöttischen Blick, mit dem auch Marek mich damals durchbohrte, als er mich nicht abschütteln konnte. Damals musste Mareks Familie schon eine große Unruhe erfasst haben. Die Gespräche am Runden Tisch in Warschau hatten schon begonnen, aber nun alles der Reihe nach.

Wir saßen auf seinen Matratzen in der Glockengießerstraße und ich bettelte, er möge mir etwas auf Polnisch vorlesen. Dann saß ich mit offenem Mund, ohne ein einziges Wort zu verstehen. Er las aus irgendeinem Notizbuch und grinste zwischendurch.

Ich durchwühle alle Schubladen auf der Suche nach Fotos und finde einen fast schwarzen Bogen mit Kontaktabzügen: viele Fotos des blattlosen, beschneiten Birnbaumes, der damals vor meinem Fenster stand. Dann erkenne ich mit Mühe das Treppenhaus in der Glockengießerstraße. Dort habe ich immer wieder auf Marek gewartet, er fand keine Ruhe mehr vor mir, war jedes Mal geschmeichelt und verwirrt. Ein Lichttrapez scheint durch das Oberlicht auf die Stufen. Mareks Wohnung war immer dunkel. Auf dem Schreibtisch erkenne ich ein großes Gefäß mit Pinseln, Kohlestiften, Bleistiften, lange Schwanen- und Krähenfedern, daneben fleckiges Papier, Pferdezeichnungen. Ab und zu fiel sogar ein Sonnenstrahl in Mareks Zeichenecke. Er sitzt auf seinem Schreibtischstuhl, die Füße hochgelegt, und raucht, ohne zu lächeln.

Die restliche Wohnung war fensterlos und nur durch einen offenen Durchgang von der Schreibtischecke aus erreichbar. Erst nach dem Dunkelwerden wurde es erträglich. Es gab zwei Matratzen als Schlafstelle, einen kleinen Tisch, eine Gitarre, überall Zeichenutensilien, Bücher, ein paar schmutzige Teller, auch eine winzige Küche mit einem viereckigen Fenster zum alten Luftschacht. Wenn man sich dort weit herauslehnte, sah man oben durch eine milchige Scheibe die norddeutschen Wolken im Ostwind vorüber jagen, eines der schönsten Fotos.

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Wir diskutierten stundenlang seine Zeichnungen, manchmal bis vier Uhr morgens, immer rauchend. Ich brachte meine eigenen Zeichenmappen mit. Mareks Bilder waren echter als meine, er hatte einen Grund für seine Arbeit, selbst wenn es sich nur um die immer gleichen Skizzen von Pferdehinterteilen handelte. Marek konnte gar nicht aufhören zu zeichnen, und gefiel ihm etwas nicht, verfiel er in eine schreckliche Traurigkeit. Begeisterte ihn ein Gedanke, so wurde er von fast unheimlicher Euphorie gepackt und musste gar nicht mehr schlafen oder essen. Ich wollte für meine Zeichnungen einfach nur Lob. Ich schämte mich für meine Abhängigkeit und Gefallsucht und hoffte, Marek würde sie nicht bemerken.

Wir gingen auf eine Fete. Ich kannte die Gegend gar nicht. Ein Mädchen mit dunklen Locken öffnete uns die Tür. Dann saßen wir in einer Dachstube zwischen Yuccapalmen. Die Refrains der polnischen Popmusik sang ich nicht mit, einige Songs wurden immer wieder zurückgespult. Keiner war unfreundlich, keiner dolmetschte, auch Marek nicht. Ich würde sowieso nichts verstehen. Man hatte mir gestattet, eine Enklave des polnischen Exils zu besuchen und das musste für die nächsten tausend Jahre reichen. Der Stolz, der polnische Stolz, ich würde davon noch viel zu spüren bekommen! Nach dieser Fete schlief ich bei Marek auf seinem Matratzenlager. Er hatte lange, dünne Beine und einen fast nicht passend großen Oberkörper. Im Dunkeln war es nicht so peinlich. Marek mochte mich.

Komm mit zu Wieczorek, sagte Marek, und so gingen wir gemeinsam zum Aktzeichnen. Das Studio wurde stark geheizt, damit die Modelle nicht froren. Der Kursleiter Herr Wieczorek war nicht geneigt, irgendjemanden grundlos zu loben. Es gab so viel falsch zu machen, das Papier war immer sehr, sehr weiß, die Position der Modelle vertrackt. Ich konzentrierte mich, ich schwitzte, ich mochte dieses starke Sehen. Ich hatte gar nicht gewusst, was Arbeit ist. Manchmal stand Wieczorek neben einem von uns und schaute uns mit zusammengekniffenen Augen über die Schultern. Marek verließ den Kurs in nicht vorhersehbaren Stimmungen. Manchmal ergriff ihn eine an Größenwahn grenzende Euphorie und er konnte nicht aufhören, seine Rücken- und Beinskizzen hervorzuholen und auf geniale Details hinzuweisen, bis ich die Prahlerei nicht mehr ertragen konnte. Und hin und wieder rollte Marek seine Zeichnungen auf, sah mich nicht mehr an und drehte sich wortlos um. Das waren die dunklen Tage.

Alle zwei Wochen verschwand Marek für einen halben Tag völlig. Auch nachmittags war er noch nicht da oder öffnete die Tür nicht, auch wenn ich immer wieder klingelte und klopfte, auf den Treppenstufen saß und wartete. Erst nach zwei Monaten wurde mir der Rhythmus bewusst, eine Erklärung von Marek bekam ich sicher nicht. Marek lag auf der Matratze in der dunkelsten Ecke der Kammer. Das erste Mal redete ich auf ihn ein, regte an, schlug vor, redete wieder, kochte Kaffee. Hin und wieder setzte er sich auf wie ein alter Mann, der sich dem Drängen der Krankenschwester nicht mehr erwehren kann, rauchte auch, sprach nicht. Er hörte auf zu essen, putzte keine Zähne, duschte nicht, aß nichts, sein Bart wuchs. Ich spürte, wie er mich wegwünschte und keine Kraft hatte, mich wegzuschicken. Ich wurde still, um bleiben zu können. Ich wurde wütend. Er versäumte die Kunstschule ohne Entschuldigung. Hin und wieder raffte er sich auf und verurteilte etwas, das ich sagte oder eine Zeichnung als widerlich und überflüssig.

Wir besuchten Mareks Familie. Es gab polnisches Essen, Selbstgebackenes, sehr herzhaft. Mareks hochschwangere Mutter behandelte mich mit der gleichen kühlen Art wie die Schwarzgelockte, als wäre ich immer dagewesen und nicht besonders wichtig. Sie sprach ein sorgfältig kultiviertes, sehr gut verständliches Nicht-Deutsch und lächelte, wenn sie wieder ins Polnische wechselte. Marek zog den Kopf zwischen die Schultern, als sein Vater den Raum betrat. Er unterbrach unser Gespräch und kürzte die überflüssige Debatte über den besten Weg, schnellstmöglich ein Visum für die Einreise in die Volksrepublik Polen zu erhalten, einfach ab. „Asien! Das ist doch Asien! Asien ist das.“ Er lief wütend im Kreis. „Asien, nichts anderes! Das ist nicht Europa, nein. 80,- DM für ein Schnellverfahren – ich kann es nicht fassen. Sieben Tage schneller … für einen Stempel! Die spinnen doch. Wozu brauchen sie das Geld?“ Die Mutter packte weiter deutsche Versandkataloge für die Kusinen und Tanten zusammen, außerdem Kaffee und Küchenpapier.

Dreiunddreißig Dias von meiner Polenreise sind erhalten und befinden sich in einer staubigen Plastikdose hinten in meinem Schreibtisch. POZNAŃ GŁÓWNY lese ich auf dem grauen Gebäude hinter einem windzerzausten Marek mit äußerst rebellischem Kinn.

Kurz vor den Ostertagen 1988 saß ich in einem Transitwaggon der Deutschen Reichsbahn mit einem abgestempelten, bundesdeutschen Reisepass. Bis West-Berlin war alles gewohnt. Doch am Bahnhof Friedrichstraße kaperten himmlische Heerscharen den Zug: Menschenmassen, Taschen, Körbe, Koffer, Netze, Kisten, Säcken, Kartons – ein Riesenchaos, dazwischen gebrüllte Kommandos und deutsches Herumgeschnauze. Ich saß ganz still und bewegte mich nicht. Am Ende fand alles seinen Platz, und Freudigkeit breitete sich aus, die zu meiner Verwunderung einfach blieb. Ich sah draußen die märkische Landschaft an den alten Gleisen entlang ihre lange Geschichte gen Osten erzählen. Die Grenze zu Polen kam mit knallenden Türen. Auch hier Kontrollen, aber weniger scharf, sondern stumm und streng. Stempel über Stempel. Kein brutales Gestochere mit Knüppeln unter den Bänken, keine Befehle. Und dann im letzten Tageslicht fuhr der übervolle Zug langsam in POZNAŃ GŁÓWNY ein, wo Marek mit glühendem Gesicht auf mich wartete. Wir nahmen ein Taxi.

Ich genoss diese Fahrt. Waren es die braun rußigen Häuser und die gelben Straßenlaternen? Die Sicherheit des Taxisfahrers beim Auffinden des Weges durch diese absolute Fremde? War es die Abwesenheit des Schrillen und Quietschenden, das uns im Westen immerzu drängeln wollte, Geld auszugeben? War es einfach nur Marek neben mir? Nach einer halben Stunde Fahrt erreichten wir das Wohnquartier, hier nur zehnstöckig und dazwischen leere Lebensmittelläden und sogar kahle Bäume. Wir stiegen bis zur Aufschrift III, 54. Mareks Großmutter lebte in zwei kleinen Räumen, mit geschwollenen Knöcheln humpelte sie langsam, um uns Tee zu holen. In der Küche köchelte immer der Samowar. Wir saßen an ihrem runden Tisch, der Fernseher lief, und aßen. Ich durfte mit Marek eine Matratze teilen. Aber mit Klopapier mussten wir sparen, nur ein Blatt pro Geschäft, mehr bitte nicht! Das Staatsfernsehen im grauen Staatsanzug verlautbarte, nur von Schlagern unterbrochen, unbeachtet vor sich hin. Es gab selbst gemachten Quark mit Rosinen, viel fette Wurst, graues Brot und starken, süßen Tee. Marek hatte sein Inneres nach außen gewendet und man sah das schillernde Futter seiner selbst.

Wir fuhren ausschließlich Taxi. Großmutter schimpfte darüber, während sie den Tee aufgoss. Es war dekadent. Wie die Parteifunktionäre rauschten wir durch die Stadt, in mehr oder weniger offiziellen Ladas, nach Klubowe und Sporty stinkend. Selbst wenn wir lange fuhren, kosteten unsere Fahrten nur sehr selten mehr als siebzig Pfennig und die vielen zerfledderten Złotischeine fielen uns dabei links und rechts aus den Taschen.

Zuerst fuhren wir natürlich zum Marktplatz, davon gibt es zehn zimtfarbene Bilder, Straßen und ein Schallplattenladen, Marek am Brunnen. Ich erinnere mich daran, dass wir eine Galerie besuchten: zeitgenössische polnische Fotografie. Ich schritt, die Luft anhaltend, ein vierzig Meter langes Foto einer Warteschlange in Überlebensgröße ab. So hatte ich mir den Sozialismus gar nicht vorgestellt: Als offizielles Schaustück, über das alle lachten, sogar mitten in der Stadt.

Noch stärker beeindruckte mich ein Restaurant mit Fensterrahmen aus Messing, in dem wir mehrmals aßen. Man bekam dort für zehn Pfennig eine riesige Portion Spaghetti Bolognese. Es war das einzige Gericht an 365 Tagen. Es war eine Spaghetti-Bolognese-Küche, und die Spaghetti waren polnische Spaghetti, sehr weich mit einer sehr salzigen Soße, viel Fleisch und überaus sattmachend.

Kreuz und quer kutschierten uns die Taxifahrer in ihren verqualmten Ladas durch eine zerstörte Stadtlandschaft. Wir befuhren kilometerlange Autobahnen durch Hochhaussiedlungen, immer gigantischer werdenden, gleich aussehenden Betonsilos, je weiter wir uns vom Marktplatz entfernten. Und niemals hätte ich zwischen diesen grauen Megawohntürmen einen ganz bestimmten erkennen können; aber Marek nannte eine der Nummern und Lettern, die an den Mauern der Türme standen und die Fahrer nahmen mit blauer Abgasfahne die Autobahnausfahrt, die uns an einer Straßenecke zurückließ, aber die Straßenecken waren Schotterpisten, Baustellen aus Schlamm. Von hier gingen wir zu Fuß.

In Piątkowo lebte Martin, ein Freund der Familie. Wir stiegen die zehn Stockwerke zu seiner nummerierten Wohnung. Kaum öffnete er uns die Tür vergaßen wir Piątkowo. Martin begrüßte uns elektrisiert, er bereitete eine Ausstellung in Paris vor, hoffte, selbst dorthin fahren zu dürfen. Aber dann erzählte er lachend von seinem Hausbau auf dem Land; immer wieder würde frisch Aufgebautes gestohlen, jetzt die Kloschüsseln, die er doch nur unter Mühen aufgetrieben hatte. Dann wieder Paris! Martin vergaß, dass ich kein Wort Polnisch sprach und scherzte mit mir. Wir wurden mit Bier und Zigaretten versorgt. Die Wohnung war mit Plastikplanen ausgelegt, an den Wänden lehnten übermannsgroße Leinwände. Dunkelblau, ein heftiges und leidenschaftliches Dunkelblau prägte alle Bilder. Ich fragte mich, ob Martin je in Zweifel geriete, ob er Kloschüsseln oder dunkelblaue Ölfarbe besorgen solle und sicher schien mir, dass es immer die Ölfarbe sein würde, auf die seine Wahl fiel. Das Haus konnte warten, jetzt ging es nach Frankreich! Martin und Marek diskutierten lange, nannten viele Namen, Mareks Vater, Martins Freunde, alle kannten sich. Über den polnischen Staatsrat wurde gelacht, man hörte nicht mehr zu, man glaubte ihnen gar nichts mehr. Wir standen dann wieder wie aus einem dunkelblauen Traum erwacht in den Schlammpfützen zwischen den Plattenbauten der Osiedle Piątkowo, Heimat für 30.000 Menschen und liefen durch den Staub und die Märzdämmerung zur Autobahn, um nach einem Taxifahrer zu winken.

dz8fwpfw62mc36drsz5h6q2z2xth5r46_galleryAbb. (c) Poznan International Fair, http://www.mtp.pl/pl/

Wir besuchten jeden Tag Freunde. Sie wohnten alle in einem anderen der lehmgrauen Riesentürme, in einem anderen Trabantenbezirk, an einer anderen schlammigen Autobahnausfahrt. Alle wollten Marek sehen. Alle wollten von ihm hören. Marek berichtete und berichtete. Er hörte zu wie eine Tonbandkassette zum späteren Abspielen. Es passierte viel im Land. Die Aufregung, ja Vorfreude steckte mich an, obwohl ich nicht wusste, worum es ging. Nur dass man lachte über die Grüße vom Vater. Man wollte hören, was er tat. Wann könne er kommen? Bald würde es soweit sein. Warum hatte er so auf Asien geschimpft, fragte ich mich? Musste er nach Deutschland gehen oder war er rausgeworfen worden? Der Professor mit seiner Expertise hatte zwar einen exzellenten Posten im Westen, aber hier rumorte es doch. Eine noch größere Freudigkeit als im Transitzug ergriff mich, es ging jetzt um anderes als Osterfeierlichkeiten. Um Leben und Tod, um alles und alle. Ich dachte an General Jaruzelkis dicke Brille. An die vielen Pakete, die im Gemeindesaal zusammengepackt worden waren, und an das Paket, das meine Mutter auf unserem Esstisch geschnürt hatte, nicht ohne meinem Bruder und mir zu sagen, wir sollten uns schämen als Kriegsverlierer nun Lebensmittelpakete nach Polen zu verschicken. Was sei denn das für eine verkehrte Welt!

Mehrere Dias, fast nur noch schwarz-weiß, zeigen das Kriegsdenkmal der Stadt – ganz im sowjetischen Stil, riesig und zugig und schroff.

Am Hauptbahnhof bestiegen wir einen verqualmten Regionalzug mit Holzbänken, auf denen saßen Arbeiter mit großen, dreckigen Händen und folgten uns in unseren amerikanischen Turnschuhen und festgewebten Jeans mit fragenden Blicken. Ich merkte, dass es eine besondere Fahrt und ein besonderer Tag war. Ostersamstag. Nach einer Stunde stiegen wir an einem Bahnsteig an ein paar Häusern aus. Hundegebell und Schornsteinrauch, kein einziges Auto. Es war kalt, die Sonne schien. In den leeren Dorfstraßen kauerten und versteckten sich die Dorfkinder hinter den Büschen. Da landete der erste Wasserschwall auf uns. Lautes Gelächter hinter uns. Wir rannten. Mehr Wasser, mehr Lachen und Kichern. Eine Verfolgungsjagd mit nasser Jacke, man rief sich lauthals lachend Wünsche zu. Wir gingen weiter auf der Landstraße, viele Kilometer, wie es mir schien. Eine schönere Landschaft habe ich selten gesehen, mit sanften Hügeln und großen alten Dorfschaften, Gütern und Allen. Seit tausend Jahren streiten sich die Nachbarn hier um das fette Land, auf dem sich Weizenhalme biegen, nehmen es sich wieder weg, verbieten sich gegenseitig die Wegenutzung, ernennen ihre Könige, sprechen Polnisch, Ukrainisch, Russisch auch Deutsch und Jiddisch, haben heimlich Kinder zusammen. Die Nazis sorgten dafür, dass im „Reichsgau Wartheland“ auch jetzt noch auf solchen Minen gelaufen wurde, die nicht mehr hochgingen und doch niemals entschärft werden würden. Die sich sanft biegenden Birken ließen davon nichts mehr ahnen. Marek erzählte von seinem Großvater. Der Sachverhalt schien sehr kompliziert. Marek erzählte von einem Heimatmuseum, den uralten Piasten zu Ehren, und von dem Hof seiner Großeltern, das ihnen abhandengekommen war. Verkauft, fragte ich. Das konnte man so nicht sagen, meinte Marek. Die Großeltern mussten in die Stadt, das Land wurde verstaatlicht, der Großvater ging ein in der winzigen Wohnung in Osiedle Kopernika. Aber damals hatten sie noch Pferde und Land. Marek ritt schon als kleiner Junge über diese Wiesen, sagte er und blieb stehen, um mir die grünen Hügel zu zeigen, die dort vor uns lagen wie verliebte schlafende Mädchen.

Unsere Füße taten weh. Wir trampten und erreichten den Hof, von dem nur noch die Küche bewohnt war. Der Hof wurde von einfachen Leuten geführt, dies waren nicht die Künstler aus der Stadt. Sie nuschelten und fielen fast um vor Freude und vor Verlegenheit, als sie uns feine Stadtmenschen sahen. Sofort wurde der Tisch gedeckt. Soviel Fleisch wie möglich holte man aus der Kammer. Es war eine solche Menge, dass ich mich als Vegetariern ausgab. Murmeln und verschrecktes Schweigen durch die Zahnlücken. Marek sprach und ich lächelte. Aber diese Gespräche waren anders als die leidenschaftlichen Diskussionen in der Stadt. Marek war höflich, aber nein, nicht ganz Ohr. Seine Eltern erwähnte man nur kurz.

Wir wurden in ein holzgetäfeltes Zimmer geführt, dabei war es noch gar nicht spät, aber eine unermessliche Müdigkeit hatte uns überfallen. Etliche Jagdtrophäen und Geweihe hingen an den Wänden, zwei sehr schmale Pritschen standen bereit. Vor langer Zeit war hier vielleicht einmal vornehm getafelt worden. Mir wurde klar, dass Übernachten und Schlafen den eigentlichen Zweck unseres Besuches darstellten, viel mehr als die Gespräche und das gemeinsame Speisen in der Küche. Diese waren nur ein Vorgeschmack auf die Nacht. Wir legten uns hin und fielen sofort in einen tiefen Schlaf, während die reglosen dunkelbraunen Augen des Rotwildes auf uns ruhten.

Wieczorek, Marek, meine Mutter und ich trafen uns in der Küche meiner Großmutter. Wir wollten zu einer großen Veranstaltung gehen. Alle drei verstanden sich prächtig, waren beste Freunde, nur ich gehörte nicht recht dazu. Wir fuhren zum Konzertsaal, der sich in eine Kirche verwandelte. Der Altar war eine Bühne. Wir gingen ganz nach vorne und setzten uns auf den Fußboden. Wir hatten plötzlich eine Bettdecke dabei, die so warm war, dass ich mir die Hose auszog. Nun konnte ich nicht mehr aufstehen, sondern versteckte mich halbnackt unter der Decke und beobachtete, wie eng und vertraut die anderen miteinander umgingen. Ein Mann erschien, dem Wieczorek und Marek sofort entgegen gingen, um mit ihm zu hinter der Bühne verschwinden. Eine Vorführung begann. Marek kehrte zurück und teilte mir mit, dass er am nächsten Tag eine Verabredung mit Wieczorek habe. Er war sehr aufgeregt und beseelt. Wir verließen den Konzertsaal/die Kirche durch einen kryptischen Gang, liefen dann weiter eine schmale dunkle Straße entlang, bis wir zu einem Auto kamen. Eine Menschenmenge umringte das Auto, ich erkannte etliche Gesichter aus der Stadt, alle schnatterten gesellig. Doch ich hatte meine Hose vergessen. Ich versuchte, die Aufmerksamkeit der anderen zu erheischen, ihnen irgendwie mitzuteilen, ich müsse meine Hose noch holen, man solle auf mich warten. Ich lief zurück. Meine Beine und Füße verformten sich immer mehr, der Weg entwickelte sich zu einer Mühsal. Ich musste mich anstrengen, ich war verzweifelt. Da überholte mich ein gelbes Taxi, genau wie die kleinen Taxis in Poznań, und hielt rechts an. Ein Mann stieg aus und sagte etwas von „einholen“ und „bewältigen“. Ich bekam Angst und rannte, der Mann rannte hinter mir her, immer schneller, er holte mich ein, sah mich fürchterlich an und schüttete mir ein Glas mit einer tiefschwarzen Flüssigkeit ins Gesicht.

So erwachte ich schwitzend mit nackten Beinen in dem tiefschwarzen Jagdzimmer in Lednogóra.

Rechtzeitig am Ostersonntag saßen wir bei Tante und Onkel in einer alten, verwinkelten Wohnung. Stolz präsentierte die Tante ihren selbst gemachten Kefir, für jeden ein hart gekochtes Ei, das wir teilten und teilten, um uns damit zu füttern, wie es der Brauch war, bis es wirklich nichts mehr zu teilen gab. Ich plauderte fast mit, ich kannte schon so viele Melodien. Dann fuhren wir in die Klinik. Marek brauchte seine Injektion. Tante und ich saßen unter hohen Bleifenstern, starrten auf den kalten Terrazzoboden, auf die gelben Türen. Tante sagte, Marek ginge es nicht gut, er müsse regelmäßig zur Kunstschule gehen. Anna lebte damals mit den beiden Jungen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Osiedle Rataje, bis sie endlich ausreisen durften. Der kleine Bruder war ein schwarzer Hardrock-Teufel, das wusste ich. Wir gingen mit Marek auf den wuselnden halblegalen Flohmarkt vor der Klinik und lachten über die Krawatten, die es dort gab. Ich kaufte ein orangefarbenes Seidentuch für meine Mutter. Der Preis war in westlicher Währung gar nicht mehr ausdrückbar. Das Poznańer Medikament musste ein anderes gewesen sein als das deutsche, denn wir lachten die ganze Zeit. Und wie, um den Tag abzurunden, vom Kaffeetisch bei Tante, zu Klinik und Flohmarkt, strömten wir mit allen anderen zur Ostermesse in die nächste Kirche. Wir standen so dicht, dass kein Stehplatz mehr frei war, während die Orgel schon spielte. Hoch oben im Chorstuhl schien die Aprilsonne durch die Fensterscheiben. Neben uns die Alten und die Punks und die Kinder und die Bauarbeiter und die Verkäufer vom Flohmarkt und die Taxifahrer und die Professoren und die Künstler und die geschminkten Teenager und die Verlobten und die Betrunkenen – alle waren sie zur Huldigung seiner Auferstehung erschienen. Dreißig Ministranten mussten ausschwärmen, um alle, aber wirklich alle Menschen mit Oblaten zu versorgen, und drängelten sich durch die Menge, die hingebungsvoll in die Knie ging, die Augen schloss und die Zungen herausstreckte; auch ich fand mich auf den Knien und empfing das polnische Sakrament, die Gnade seines Leibes und seines Leiden, aber alles zusammen tröstete so sehr über das knappe Scheißpapier, für das man sich die Beine in den Bauch stehen musste, die Matschwege in Piątkowo, den Traum vom Reiten, das Warten auf Paris, die Reise über unmögliche Grenzen zwischen Verwandten und Bekannten, Mördern und Ermordeten, dass wir alle bereit waren zu vergessen. Alles nur keine Häuserwandmärchen! Alles, nur nicht die Fernsehlügen im grauen Anzug, denen man sich immer und immerdar mit großem Glauben an die Wahrheit, mit bösem Lachen und mit Solidarität entgegen stellen würde!! Und so murmelten wir auf Knien das Vaterunser mit all den Priestern und Jungs in langen, tiefvioletten Umhängen, das Amen aus vielen, vielen Kehlen wie ein großes Es reicht! an die Geschichte, an die Befehlshaber und Kommandeure und an die gesamte gescheiterte Planwirtschaft, an den ständigen verfluchten menschenunwürdigen Mangel. Der Himmel war immer bewölkt. Sie hielten jetzt erst recht zusammen. Ein-zwei Mal die Woche konnte telefoniert werden – Dieses Gespräch wird abgehört! – bis zwei Jahre später die Diplomatenpässe eintrafen. Großmutter schluchzte sehr, als sie abfuhren.

Keiner verstand Marek, als er mit dreizehn Jahren in den Westen kam, und er verstand niemanden hier. Um ihn herum gab es nur noch Deutsche ohne Selbstzweifel, ihre Sprache eine einzige Züchtigung. Die Jungs langweilten sich und taten dabei cool, spielten Skat und Fußball, man trug Adidas Universal. Keiner gehörte zum anderen, alle hatten riesige vollgestellte Zimmer und sprachen über David Hasselhoff und die letzten Folgen von Colombo.

Ich steige in Gedanken die Treppe in der Glockengießerstraße empor zu Mareks Tür. Wie ich kürzlich erfuhr, standen die atomaren Mittelstreckenraketen der NATO und des Warschauer Pakts für einen Erstschlag auf Poznań bereit. Mareks Heimatstadt sollte im Falle eines Nuklearkonflikts als erster Ort der Welt vom Erdboden verschwinden. Die Ärzte diagnostizierten eine manisch-depressive Psychose. Eine Krankheit, die uns in diesen Jahren alle befallen hatte. Lange Monate verbrachte Marek schwer krank im Klinikum Ost. Wenn ich Mareks Grübchen vor den preußischen Giebeln Poznańs betrachte, weiß ich, er hatte unheilbares Heimweh.

Viele Jahrzehnte, wenn wir am Strand spielten, wehte ein salziger Wind von uns zu euch übers Meer und von euch zu uns, aber man hatte uns gelehrt, es gäbe dort nur graue Straßen, leere Geschäfte, verbotene Zonen und sonst nichts. Wie waren wir in all den Jahren der Nebenwirkungen doch belogen worden!

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9. Februar 2015
von IM
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Feuerland

Land der Hexenmarschen,
Land der Ohnmacht.

Trage mich zu irgendwelchen Wiesen,
Deren Gras benetzter ist als das der diesen,
Streu mir Zucker in die Hosen,
Falte meine Knöchel zu Strohrosen,
Flechte meine Haare heftig, bist es ziept,
Flüstere mir in den Nacken, wer mich liebt.

Schlage Funken aus den Kuppen meiner Zehen,
Lass die Asche meiner Zagheit weit verwehen,
Sich vermischen mit dem Pollen deiner Übermut,
Zeige mir die Algebra der Wut.

Knobele mit mir um Luft und Chlorophyll,
Röste mich auf deinem sanft gekrümmten Grill
Entsetze mich zum Anbeginn der Flur,
Wie im Spiele sage ich dir dort den Schwur:
Auf immer, ganz, in allem seien wir verwandt,
Im Sehnen, Wachsen, in der Witzigkeit.

Land der grünen Auen,
Feuerland!

2004

28. Januar 2015
von IM
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Verwandelte Stadt (Cádiz)

Ich kam an einen gebohnerten Ort voller
Zuckerwatte, Katzenaugen, Weihwässerchen,
Die man mir zum Trinken vorhielt.
Schokolade tropfte von den Toren,
Zerlief zum Geflüster der Straßenecken, wo ich
Mich umsah nach dem hohen Turm und der Stirn
Meiner zitronensauren Gespielin. Satt flatterten
Kanarienvögel, Beeren im Schnabel, aus den
Schenkel der Fenster. Unter zausenden Händen
Beschlugen die Gläser, die Neonreklamen der
Drogerien und Cafés. Ich verspeiste die eigelben
Törtchen der Nacht, bestritt das Zittern beim
Schächten von Festtagslämmchen, verlachte manchen
Uhren-Aufzieher. So verdampfte die Welt.

Alles Gelesene wurde zur Zahl.
Alles Vergessene entkleidete sich.
Alles Gesehene wurde zur Dichte
Zwischen Ozon und Beton.

Allmählich buk der Wandel der Stadt schwarze Rosinen
Ins Pflaster, während Metzger und Händler mit ihren
Klingen neue, viel bessere Schlüssel erschliffen.
Ich fand die Tore nach draußen nicht wieder, nur
Küste, nichts als wütende Küste mit versandenden
Kais und Pontons. Am hohen Turm nannte man mir den
Tarif und hunderttausend Gebote, die für sämtliche
Bürger fortan zu gelten hätten: Erstes Gebot sei das
Geschlossenhalten der Fenster, zweites das diskrete
Zermalmen kubischen Zuckers, drittens die Furcht vor
Einem, der mit Grillen und Fackeln
Sicher vom Meer her erscheinen werde.
Doch außer mir kam nie einer zu den
Wartenden in die verwandelte Stadt.

28. Januar 2015
von IM
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Der Hut deines Vaters

Der Hut deines Vaters
Im Blau des Ozeans.

Vom Dampfer nach Amerika
Winkte einst dein Vater
Mit jenem Hut.

In Amerika vermisst jetzt
Dein Vater den Hut
Beim Grüßen.

Der Hut vermisst weder
Deinen Vater noch
Grüßen und Winken.

Der Hut deines Vaters
im Blau des Ozeans.

(geschrieben 1984)